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Schwerer Anfang 1983 – 1985

Quelle: ABL / 22.92.6

Während kirchliche Mitarbeiter und Pfarrer durch ihren Arbeitgeber Kirche weitgehend geschützt blieben, gingen die Jugendlichen und Laien bei der Ausgestaltung der Friedensgebete ein sehr viel höheres Risiko ein. Ihr Engagement konnte biografische Brüche nach sich ziehen (Nichtzulassung zum Abitur oder Studium, berufliche Nachteile).

Hans-Joachim Döring: „Der Druck war schon spürbar, aber er war bei einem Arzt oder Ingenieur immer existentieller. Bei dem Freiraum, den die Kirche hatte, hätte es viel mehr Möglichkeiten gegeben, diese Probleme zu thematisieren. Das Besondere von Leipzig war, aus den Friedensgebeten herauszugehen. Da hat die Kirche nicht mitgemacht.“

Beispiele finden sich bereits im Jahr 1983. Während der Friedensdekade vom 6.11 bis 16.11.1983 kam es im Anschluss an die Friedensgebete in der Nikolai- und Thomaskirche zu mehreren Kerzendemonstrationen von Jugendlichen.

5.11.1983 – ca. 50 Jugendliche sitzen mit Kerzen im Kreis auf dem Marktplatz.
6.11.1983 – ca. 20 Jugendliche versammeln sich mit Kerzen am Bachdenkmal.
7.11.1983 – ca. 30 Jugendliche mit Kerzen auf dem Marktplatz.

Tags darauf mussten sich die Superintendenten Richter und Magirius vor staatlichen Stellen dafür verantworten. Beide bemühten sich im weiteren Verlauf der Friedensdekade, die Jugendlichen von derartigen „Symbolhandlungen“ abzuhalten.

9.11.1983 – mind. 32 Jugendliche erinnern vor dem Gedenkstein der ehemaligen jüdischen Synagoge an die Pogromnacht mit Kerzen.
12.11.1983 – ca. 30 Jugendliche mit Kerzen auf dem Marktplatz.

Superintendent Magirius, 14.11.1983: Man solle die Kirche mit brennendem Herzen und nicht mit brennenden Kerzen verlassen.

18.11.1983 – Kerzendemonstration von ca. 25 Jugendlichen zur Eröffnungsveranstaltung der Internationalen Dokumentar- und Kurzfilmwoche

Bernd Stracke: „Wir haben gar nicht mitgekriegt, wie staatsfeindlich wir wirklich waren.“
Die stille Demonstration vor dem Kino „Capitol“ brachte das Fass zum überlaufen und die SED bewies ganz schlechtes Timing. Gegen die tagelangen Jugendproteste ging sie in dem Moment vor, als die Weltöffentlichkeit zusah. Eine Debatte der Festivalteilnehmer über den Polizeieinsatz brachte die SED in erhebliche Erklärungsnot.
Das nützte den Jugendlichen jedoch wenig: gegen acht wurde ein Verfahren eingeleitet, sieben verurteilte man wegen „Zusammenrottung“ zu z.T. hohen Haftstrafen.

In Leipzig kursierte daraufhin der Witz: "Anfrage an die 'Leipziger Volkszeitung': Ist es ratsam, beim Kauf von Kerzen Zahnbürste und Schlafanzug mitzunehmen?"

Während die Friedensdekaden mit mehreren hundert Teilnehmern sehr gut besucht wurden, führten die wöchentlichen Friedensgebete ein „Mauerblümchen“ – Dasein. Vor allem die AG Friedensdienst bemühte sich trotzdem um eine regelmäßige Durchführung. Innerhalb der Kirche wurde über die Perspektiven der Friedensgebete diskutiert.

Hans-Joachim Döring: „Auf einem Mitarbeiterkonvent kam diese Frage auf. Ich meinte, wir sind in der Regel 30-40 Leute Montag für Montag. Wenn wir mal Thomas und Nikolai rausnehmen, dann kommen gar nicht regelmäßig so viel Leute zum Gottesdienst. Damit war das erstmal geklärt.“

 

Quelle: G. JohannsenNeben Wolfgang Borcherts Anti-Kriegs-Gedicht von 1947 „Sag NEIN!“ nutzte Günter Johannsen in „seinen“ Friedensgebeten immer wieder provozierende Texte als Parabel auf das Leben in der DDR - so auch den afrikanischen Text „Der Adler“.

 

Matthias Sengewald: „Wir waren manchmal 10 Leute in der Nikolaikirche, aber …“
Der damalige Jugendwart im Leipziger Jugendpfarramt reflektiert das unstete Interesse an den Friedensgebeten, das in Abhängigkeit zu gesellschaftlichen Konflikten stand. Die Friedensgebete bildeten daher den Kristallisationspunkt für die späteren Demonstrationen im öffentlichen Raum.

Eine Möglichkeit, die Friedensgebete zu beleben, sahen die kirchlichen Mitarbeiter in der größeren Einbindung der Pfarrer. So brachte sich ab 1984 Nikolai-Pfarrer Christian Führer stärker ein.