Loading color scheme

Uli Hannemann: Wesserbossi

Die Wunden sind tief, doch keiner will unsere Geschichte hören. In den Debatten zum Jubiläum der Wiedervereinigung finden wir nicht statt. Unsere Transformationsleistung wird von der anderen Seite nicht anerkannt. Sobald wir nur den Mund aufmachen, gelten wir sofort als Jammerwessis. Es ist erstaunlich, wie wenig die Ostdeutschen über unser Land, unsere Kultur und unsere Mentalität wissen, und wie wenig sie sich dafür interessieren.

Sie selbst hingegen kommen dieser Tage oft zu Wort. Es ist ein einmaliges Naturschauspiel: Das abertausendstimmige „Mimimi“ schallt ohrenbetäubend durch den Blätterwald, als erhöbe sich gleich ein gigantischer Starenschwarm laut schimpfend in den Himmel. Exemplarisch erklärt uns die ehemalige Eiskunstläuferin Kati Witt im Zeitungsinterview die Westfrau, dieses unselbständige und stinkfaule Zierpüppchen, das sich von ihrem Großkotz mit Merceden und Bananen aushalten lässt. Was sie denkt; wie sie ist. Und sie ist nun mal bei weitem nicht so wertvoll wie die Ostfrau. Die Witt kennt sie alle. Den nervigen Erklärbär/West gibt es natürlich erst recht. Längst verkneife ich mir daher jede Bemerkung über den Osten. Sonst heißt es ja doch nur: Du hast keine Ahnung. Wir haben uns noch gegenseitig Zettel an die Türen gehängt. Solidarität. Aufbau. Ampelmännchen, Sandmännchen, FKK. Broiler, Kettwurst, Grilletta. Unsere Intellektuellen haben nie gelacht und immer geraucht. Pittiplatsch und Pioniere. Es war nicht alles schlecht. Aber die Transitautobahnen. Jeder hatte Arbeit. Ein kleines Bier hat vierzig Pfennige gekostet. Wenn man das Politische abzieht, war es sogar sehr gut. Ersatzteile gegen Westschokolade. Wir hatten ja nichts. Im Grunde haben wir die ganze Zeit nur gefickt.

Nein, ich habe wirklich keine Ahnung. Was jedoch bei aller berechtigten Kritik an den selbsternannten DDR-Checkern unter den Tisch fällt: die Wessiflüsterer, die mir seit dreißig Jahren erzählen wollen, wie ich hinter meiner Glitzerfassade denn so sei. Also nicht wie im Osten, wo die Kerle wunderbar klar und kernig sind, sondern oberflächlich, arrogant, laut, gierig, prüde und verschlagen. Und selbstverständlich sagt unsereiner durch die Bank „viertel nach zehn“ statt „viertel ölf“, „Tram“ statt „Straßenbahn“ und „Plastik“ statt „Plaste.“

Warum gibt es eigentlich nur den Begriff „Besserwessi?“ „‚Plastiktüte‘ ist falsch“, ostsplainen sie mit mildem Vorwurf. „Haha, wie dumm du bist: Eine Tüte ist doch kein Kunstwerk!“ Sie sind so stolz auf ihre Unterscheidung zwischen Plastik und Plaste – das Ergebnis von vierzig Jahren kollektivem Brainstorming in hochproduktiver Isolation. Morgen weisen sie die Österreicher zurecht, dass es Januar heißt statt Jänner und übermorgen die Schweizer, dass man „es gibt“ sagt, und nicht „es hat.“ Denn dass es neben regionalen Sitten auch regionalen Sprachgebrauch hat, der sich seit jeher selbstbewusst in Kategorien jenseits von „richtig“ und „falsch“ zu bewegen weiß, war in ihrem zentralisierten Staat offenbar nicht vorgesehen.

Ich habe ja immer Straßenbahn gesagt. Wer in Ostberlin „Tram“ auf die Schilder gemalt hat, weiß ich nicht. Ich bin dafür auch nicht verantwortlich. Wahrscheinlich waren es irgendwelche Leute aus Süddeutschland, weil es so kürzer ist und man an der Länge der Hinweisschilder spart. Dass sie mit ihrer Ökonomie der Ignoranz die Gefühle von Millionen Bürgern aufs Tiefste verletzen, ist ihnen offenbar egal. So sind sie nun mal – als einzige natürliche Reaktion auf so viel Menschenverachtung verbleibt zwangsläufig nur die Wahl ebenso menschenverachtender Parteien, ein wieder mal ungehörter Hilfeschrei. „Ostfrau“ sei für sie ein „Gütesiegel“, sagt dann noch die Kati. Was im Umkehrschluss bedeutet: Wer dieses Siegel nicht trägt, kann nur minderwertig sein. Annullierte Biografien gegen diffamierte Persönlichkeiten – ein fairer Teufelsdeal: Schließlich muss irgendeine immer abgewertet werden, ob nun Zonengabi, Westtussi oder Kanakenbraut, sonst ist die/der/das Deutsche nicht zufrieden. Immerhin darin sind wir einträchtig vereint.

Uli Hannemann (*1965) zog 1985 nach Berlin und lebt seit 1992 in Neukölln. Nach diversen Probestudien arbeitete er unter anderem als Taxifahrer. Erste Texte erschienen 1998 in der Berliner Literaturzeitschrift Salbader, 2000 wurde Hannemann festes Mitglied der Lesebühne LSD – Liebe statt Drogen. Von 2004 bis 2015 las er auch bei der Reformbühne Heim & Welt. Er schreibt für die taz Glossen und Kolumnen. Vom Autor von »Neulich in Neukölln« (Ullstein) erschien zuletzt »Die megascharfe Maus von Milo Vierundzwanzig neue Arbeiten des Herakles« (Berlin Verlag).

Franziska Hauser: Äußerste Abweichung

Eigentlich wollte ich Fotografin werden. Wäre ich zehn Jahre älter, hätte ich jetzt ein romantisches Werk aus schwarzweißen DDR Fotos von heruntergekommenen leeren Straßenzügen mit vereinzelten Trabbis und Ladas, alten Leuten in Dederon-Kittelschützen und schmutzigen Kindern mit Straßenkatzen vorzuweisen.

Lesen Sie die ganze Kolumne von Franziska Hauser: Äußerste Abweichung

Paul Bokowski: Substitut und Suggestion

Fast genau zwei Jahrzehnte nach dem Fall des Eisernen Vorhangs fiel mein damaliger Mitbewohner, der nie in seinem Leben irgendein geopolitisches Interesse gezeigt hatte, eines Abends aus dem Küchenfenster. Drei Stockwerke tief, auf westdeutschen Waschbeton, zwei Meter neben den rettenden Wacholder. Ich fand ihn im fahlen Licht unserer Hoflampe, leise keuchend, alle Viere von sich gestreckt. Ein dünnes Rinnsal Blut trat aus seiner Schnauze. Der dumme Kater kotete sich ein, schielte stumpfsinnig an mir vorbei und starb mit einem letzten aufflammenden Krampf. Sein Sturz hatte mir einen Schlag versetzt, so unerwartet wuchtig, dass der Schmerz erst auf sich warten ließ, dann ausblieb. Entseelt, gleich einem Apparat, trug ich das tote Tier zurück hinauf, bettete es und wachte, die ganze Nacht, über dem Kadaver. Ich wollte weinen, aber konnte nicht.

Lesen Sie die ganze Kolumne von Paul Bokowski: Substitut und Suggestion

Jacinta Nandi: Die Wende, die mir immer näher kommt

Ich bin mit 20 nach Deutschland gekommen – ich denke immer, wenn ich mit 19 gekommen wäre, dann würde ich jetzt Deutsch klingen und die Leute würden mich respektieren.

“Jacinta?”, würde man sagen, hinter meinem Rücken. “Meinst du Jacinta Nandi? Sie ist mit 19 nach Deutschland gekommen.”

“Ach so”, würde man antworten. “Mit 19? Ist sie nicht hier geboren?” “Nee”, würde man dann erklären.

“Nee, die ist gebürtige Engländerin. Wenn man länger zuhört, merkt man eine leichte Akzent.”

Aber ich bin mit 20 Jahren hier gekommen. 20 Jahren, im Jahr 2000. Ich dachte damals nämlich, dass die Wende sehr sehr lange her ist. Ich bin zum Brandenburger Tor gegangen, um zehn Jahre Gesamtdeutschland zu feiern, in meinen Augen hätte es hundert sein können. Das ist, ehrlich gesagt, das komische an der Wende, sie ist ein historischer Benjamin Button – je älter ich werde, desto näher kommt sie mir in Nachhinein vor. Ich kann es nicht so richtig erklären. Aber: wenn es weiter so geht, erwarte ich doch, dass ich an meinem Sterbebett plötzlich merke, dass ich doch dabei gewesen bin.

Lesen Sie die ganze Kolumne von Jacinta Nandi: Die Wende, die mir immer näher kommt

Jürgen "chA°s" Gutjahr: 1. Mai Demo- oder der observierte Frühschoppen

Walpurgisnacht. 1985

Wir saßen zu dritt in meiner kleinen, dunklen, von Schimmel befallenen Wohnung. Tümpel, Rolf1 und ich. 30. April, Walpurgisnacht.

Die Vorhänge zu gezogen…wie immer. Aus den Boxen brüllte „Feet Hacked Rails“ von Art Barbecue, ein Side Project von Controlled Bleeding.

Aber irgendwie waren wir nicht gut drauf, redeten kaum und tranken nur sehr wenig. Keiner wusste den Grund. Also keine Party, Bewusstseinserweiterung oder ähnliches. Aber Tümpel hatte die Idee, dass wir uns morgen 10 Uhr zum Frühschoppen treffen könnten. Er schlug eine der wenigen Kneipen vor, wo wir keinen Ärger bekamen. Großartige Idee! Wir verabschiedeten uns mit komplizierten Verabschiedungsritual, wie bei den Bloods oder Crips2 üblich, dann „Gute Nacht!“.

Lesen Sie die ganze Kolumne von Jürgen "chA°s" Gutjahr

Kirsten Fuchs: In Freiheit ist ein Ei.

Ich bin mit 12 in gewisser Weise gestockt. Aber ich bin kein Ei.
In Freiheit ist das Wort ei. Das könnte eine schöne Metapher sein für irgendwas, aber für was?
Eins in dem was wächst, ein faules, ein dickes, eins aus Schokolade.
Wenn das Leben dir ein Ei schenkt. Dann brüte es aus. Oder wirf es gegen ein Gebäude.

Lesen Sie die ganze Kolumne von Kirsten Fuchs

Jean-Philippe Kindler: „Die friedliche Revolution“: Für die Legitimierung von Wut und Hass

Die Wahrheit ist: Ich fand den Terminus der „friedlichen Revolution“ immer schon lächerlich. Dafür brauchte es keine Montagsdemonstration von PEGIDA, die sich das mythologisierte Label „Montagsdemonstration“ auf die wehenden Schwarz-Rot-Geil-Fahnen schrieben. Ich weiß, ich weiß. Wir leben in einer Zeit, in der es gesellschaftlich wahnsinnig angesehen ist, die Dinge von ihrer positiven Seite zu betrachten. Bestseller heißen „Gegen den Hass“, Coaches predigen „gewaltfreie Kommunikation“ und die positive Psychologie verspricht uns das Glück, wenn wir es nur schaffen, negative Gefühle dauerhaft aus unserem Leben zu verbannen. Aus der politischen Öffentlichkeit sind diese jedenfalls verschwunden, denn seitdem die AfD durch die Emotionalisierung politischer Sprachbilder an Popularität gewann, steht die politische Emotion, vor allem die Negative, unter Generalverdacht. Wenn heutzutage der politische Text in Bewegung gerät, aus einigen der Zeilen eine Haltung, gar ein Erröten der Schrift herausragt, wenn das Gesagte von jemandem gesprochen wird, der offenkundig fühlt, dann begegnen wir dem mit Skepsis. Völlig egal, ob es sich um Björn Höcke oder Greta Thunberg handelt. Denn vor allem in den letzten Jahren manifestierte sich der erschreckend weit verbreitete Mythos, die Politik habe zur Ausprägung von Entscheidungsfähigkeit die Aufgabe, sich nicht von Gefühlen leiten zu lassen. Vor allem Emotionen wie Wut, Verärgerung, Neid und Hass erleben dadurch ihre Delegitimierung und Banalisierung. Das ist geschichtsvergessen.

Lesen Sie die ganzen Kolumne von Jean-Philippe Kindler

Jana Hensel: Mythos Wende 89

Die Wende, oder besser gesagt, die Friedliche Revolution des Jahres 1989, ist für mich kein Mythos, sondern war in meinem bisherigen Leben der wahrscheinlich massivste Einfall von Realität. An nichts erinnere ich mich so genau wie an meine großen, euphorischen Gefühle, während ich im Oktober 1989 als 13-jährige Schülerin gemeinsam mit meiner Mutter um den Leipziger Ring gelaufen bin. Noch heute bekomme ich Gänsehaut, wenn ich darüber rede, noch heute treten mir Tränen in die Augen, wenn ich die alten Bilder sehe. Manchmal ist mir das sogar peinlich. Und ich bin erleichtert, wenn ich merke, dass es anderen ähnlich geht.

Lesen Sie die ganze Kolumne von Jana Hensel

Wladimir Kaminer: Berliner Mauer

Über die Berliner Mauer wussten wir nicht viel, nur das, was in unseren Lehrbüchern über die europäische Nachkriegsgeschichte stand. Diese Informationen waren auf das Wesentliche reduziert und beanspruchten nicht einmal zwei Seiten. Die sowjetische Armee hatte es 1944-45 nicht geschafft, ganz Europa zu befreien, weil ein Teil davon bereits von den Amerikanern befreit worden war. Deswegen war Europa in zwei Lager getrennt, die von uns befreiten Völker haben sich dann freiwillig für den Sozialismus entschieden.

Lesen Sie die ganze Kolumne von Wladimir Kaminer: Berliner Mauer

Wir nutzen Cookies auf unserer Website. Einige dieser Cookies sind wichtig für den Betrieb der Seite, während andere uns helfen, unsere Website zu verbessern. Sie können selbst entscheiden, ob Sie die Cookies zulassen möchten. Bitte beachten Sie, dass bei einer Ablehnung womöglich nicht mehr alle Funktionalitäten unserer Seite zur Verfügung stehen.