Loading color scheme

Jürgen "chA°s" Gutjahr: 1. Mai Demo- oder der observierte Frühschoppen

Walpurgisnacht. 1985

Wir saßen zu dritt in meiner kleinen, dunklen, von Schimmel befallenen Wohnung. Tümpel, Rolf1 und ich. 30. April, Walpurgisnacht.

Die Vorhänge zu gezogen…wie immer. Aus den Boxen brüllte „Feet Hacked Rails“ von Art Barbecue, ein Side Project von Controlled Bleeding.

Aber irgendwie waren wir nicht gut drauf, redeten kaum und tranken nur sehr wenig. Keiner wusste den Grund. Also keine Party, Bewusstseinserweiterung oder ähnliches. Aber Tümpel hatte die Idee, dass wir uns morgen 10 Uhr zum Frühschoppen treffen könnten. Er schlug eine der wenigen Kneipen vor, wo wir keinen Ärger bekamen. Großartige Idee! Wir verabschiedeten uns mit komplizierten Verabschiedungsritual, wie bei den Bloods oder Crips2 üblich, dann „Gute Nacht!“.

Da wir also nicht in den 1. Mai tanzten, beschlossen wir nun festentschlossen und ausgiebig in den zweiten pogen.

Am nächsten Morgen gegen 7 Uhr klingelte es minutenlang. Ich dachte erst ich hätte mich getäuscht, aber es wollte nicht enden und ich konnte es nicht mehr ignorieren. Ich schleppte mich verschlafen an die Tür.

Es war ein Mittwoch.

Seit einigen Jahren hatte ich wegen einem nicht mehr zu überblickendem Ansturm von Besuchern, Leuten, welche ich nicht kannte, sowohl auch Idioten, die mich beklaut hatten, ein Schild mit Öffnungszeiten an meiner Haustür. Ich hatte keinen Bock, dass meine Wohnung zu einem Wallfahrtsort oder ähnlichen mutierte.

Jürgen „chA°s“ Gutjahr: 1. Mai Demo- oder der observierte Frühschoppen

Ich stand in Flur und rief laut und deutlich „Heute ist Mittwoch! Erst ab 17h geöffnet, auch an Feiertagen! Könnt ihr nicht lesen?“

Das Klingeln wich nun einem rustikalen Hämmern gegen die Wohnungstür. Jemand vor der Tür brüllte „Aufmachen! Polizei!“ und so öffnete ich die Tür.

Zwei fahle Gestalten in bestialischer Freizeitkleidung. Einer mit Hornbrille, der andere mit Handgelenktasche und Schmidt-Mütze. Alles klar…

Stasi also, wieder mal. „Gutjahr, zieh’n se sich was über!“ sagte einer der beiden. „Warum, denn?“ fragte ich und fügte hinzu: „Heute ist Feiertag, Arbeiterkampftag…sollten sie doch wissen“. „Wer‘n se nicht frech!“ „Aber ich kann nicht, habe nachher einen Termin!“ entgegnete ich. Plötzlich kam einer der beiden Einzeller ungehalten auf mich zu, packte mich am Nachthemd und zerrte mich ins Wohnzimmer. „Los, umziehn! Nochmal sach ich’s nicht…und zwar dalli!“

Vor dem Haus stand ein Lada und am Steuer saß ein weiteres Exemplar Genosse mit ‚nem rustikalen Schnautzer. Ich wurde auf einen der Rücksitze verfrachtet, Handgelenktasche neben mir, die Hornbrille vorn neben Schnautzer.

Nach recht zügiger Fahrt wurde ich in dem Flur platziert, welchen ich schon durch die Vielzahl meiner Vernehmungen und Zuführungen gut kannte. Aus heutiger Sicht hatte ich da schon eine Art „Flatrate“, wenn man so will.

Ich wartete also im ersten Stock, müde ohne Frühstück und entsprechend frustriert. Und da waren sie wieder: diese Gefühle der Einsamkeit, der Ohnmacht, auch der Angst und Hoffnungslosigkeit.

Niemand konnte mir in diesen Situationen helfen und ich wusste nie wie es ausgehen würde, ob die mich wieder entlassen oder nicht.

Nach einer gefühlten Ewigkeit öffnete sich einer der Türen von den Vernehmer Zimmern. Ein mir bis dahin nicht bekannten Typen rief mich hinein.

„So, Gutjahr, da sind wir ja schon wieder“…

“Setzten se sich auf den Stuhl“. „Wissen sie warum wir sie heute zugeführt haben?“…“haben sie uns was zu erzählen?“

„Äh, nee weiss ich nicht und wie ist eigentlich ihr Name?“

„Das tut hier nichts zu Sache…wir stellen hier die Fragen!“ …“und ich rate ihnen zu kooperieren und uns umfänglich über ihre Pläne alles, ich meine ALLES, zu erzählen!

„Was denn für Pläne?“

„Nun tun sie nicht so überrascht! Wir haben ausreichende Hinweise auf Aktionen, welche sie als Organisator und Leiter entlarven…also spielen sie uns hier nichts vor!“

„Hä, was für Aktionen…? Organisator, Leiter…?“ Was meinen sie damit und was denn für Hinweise, verdammt?“

„Nun wer’n se mal nicht pampisch…wir können auch anders, wie sie wissen…da geht’s gleich ab in die Zelle!..also, raus mit der Sprache“

„Also, ich weiss von keinerlei Aktionen und ich bin schon gar kein Organisator oder Leiter von irgendwas“

„Ich habe nur einen Termin mit einem Freund zum Frühschoppen, so zwischen 10 und 11 nachher…das ist dann aber auch schon alles. Mehr Pläne habe ich heute nicht.“

„Aha, da haben wir aber ganz andere Informationen bekommen. Heute ist ja unser Internationaler Kampf- und Feiertag der Werktätigen für Frieden und Sozialismus, dass wissen sie schon, oder? Und sie wollen anscheinend an den Demonstrationen, wo jeder pflichtbewusste Bürger teilnimmt, nicht mitlaufen?!“

„Nee, will ich nicht! Iss ja keene Pflicht und ich habe ja schon einen Termin, wie gesagt…aber was hat das alles mit mir zu tun?“ „Das ich beim 1 Mai nicht bei der Demonstration teilnehme, dürfte sie wohl wenig überraschen, oder?!“

„Nun, da haben sie sicher recht. Aber bei etwas anderen schon, nicht wahr?!“

„Hä, was meinen sie damit?“

„Ja, also wir haben über verschiedene- und durchaus zuverlässige Kanäle Informationen bekommen, dass heute eine Gegendemonstration geplant ist. Und sie sind dabei mit genannt worden, was uns, ehrlich gesagt, nicht sehr verwundert. Also, was haben sie uns dazu zu sagen. Umso schneller sie uns in diese Pläne einweihen, umso schneller können sie hier wieder raus.“

„Waaaas? Nee, also…das kann doch nicht ihr Ernst sein…so ein Unsinn! Von wem haben sie denn diese Informationen?............Nein, nein, nein und nochmals NEIN. Meine einzigen Pläne für heute waren, wie schon gesagt, mich mit meinem Kumpel Tümpel zum Frühschoppen in einer Kneipe in der Nähe meiner Wohnung zu treffen und dort auf die hart arbeitende Bevölkerung anzustoßen…so unsere Maifeier.“

„Das glaube ich ihnen nicht. Und was wir wo oder von wem haben hat sie am wenigsten zu interessieren. Also, raus mit der Sprache…!“

„Okay. Wie spät ist es, bitte?“

„Halb elf“

„Ein Vorschlag von mir, da sie mir eh nicht glauben: Fahren sie mich doch persönlich zu meinem Frühschoppen! Dort können sie, von mir aus, die gesamte Zeit meiner geplanten Frühschoppen-Demo sich direkt davon überzeugen, dass ich nichts anderes im Sinn hatte als dieses Treffen.“

Ich grinste und sah dem Vernehmer ins Gesicht. Der glotzte mich mit großen verstörten Augen ebenfalls an und ich sah, wie es in ihm arbeitete.

Dann stand er auf und ging, ohne was zu sagen, schnellen Schrittes aus dem Verhörraum.

Nach einiger Zeit kam er mit einem anderen Genossen zurück und machte sich noch handschriftliche Notizen in das Vernehmer Protokoll.

„Gutjahr! Aufstehen, anziehen!...mitkommen“

Tja, was soll ich sagen. Es war einfach unglaublich. Die beiden verfrachteten mich in ein Auto und fuhren mich zu meiner Kneipe, wo Tümpel schon seit einiger Zeit auf die Arbeiter- und Bauernmacht anstieß.

Die waren auf meinen Vorschlag eingegangen. Es war so surreal und ich konnte es kaum glauben. Nach einer Weile hatten wir in der Kaschemme einen Fensterplatz ergattert und wir konnten von dort aus die beiden beobachten. Das war dann schon wieder wie Überwachung über Kreuz, oder so…

Irgendwann am Nachmittag kamen wir volltrunken aus der Kneipe. Tümpel kotzte, wollte sich an der Hauswand abstützen, wobei das Abwasserrohr wegbrach, er dann wegrutschte und mit seiner 1. Mai-Hose in seiner eigenen Kotze landete.

Ich lehnte an einer Hauswand und versuchte mich auf den Beinen zu halten. Aus dem Auto stieg einer von den beiden Stasi Typen aus und kam auf mich zu.

„Gutjahr! Einsteigen!“

Ich wankte zu dem Wagen und ließ mich hineinfallen. Man hat mich dann noch zu meiner Wohnung gebracht, dort reingesteckt. Laut Infos von Freunden stand wohl bis etwa Mitternacht der Lada vor dem Haus.

Tümpel schenkte man übrigens keinerlei Aufmerksamkeit und ließ ihn vor der Kneipe in seiner Kotze liegen.

Handgelenktasche, Hornbrille und Schnautzer habe ich nie wiedergesehen.

chA°s [2k20]

1) Rolf war meine weiße Ratte. R.I.P.
2) Gangs from LA (https://de.wikipedia.org/wiki/Bloods_und_Crips)

Jürgen Gutjahr aka „chA°s“, geb. 1964 in Leipzig, gründete im Sommer 1981 die Punkband WUTANFALL in Leipzig. Nach dem Ausstieg Ende 1983 bei WUTANFALL konstruierte chA°s das Industrial-Noise-Projekt PFFFT…!, welches bis heute existiert. Seit Dezember 1981 war chA°s im Fokus der staatlichen Organe und bis zu seiner Ausreise im Mai 1989 nach West-Berlin physischen und psychischen Misshandlungen der Staatsicherheit ausgesetzt. chA°s ist seit der Ausreise in zahlreichen Artikel in Büchern sowie Dokumentarfilmen über Jugendbewegung präsent sowie als Zeitzeuge in der politischen Arbeit tätig.

Kirsten Fuchs: In Freiheit ist ein Ei.

Ich bin mit 12 in gewisser Weise gestockt. Aber ich bin kein Ei.
In Freiheit ist das Wort ei. Das könnte eine schöne Metapher sein für irgendwas, aber für was?
Eins in dem was wächst, ein faules, ein dickes, eins aus Schokolade.
Wenn das Leben dir ein Ei schenkt. Dann brüte es aus. Oder wirf es gegen ein Gebäude.

Lesen Sie die ganze Kolumne von Kirsten Fuchs

Jean-Philippe Kindler: „Die friedliche Revolution“: Für die Legitimierung von Wut und Hass

Die Wahrheit ist: Ich fand den Terminus der „friedlichen Revolution“ immer schon lächerlich. Dafür brauchte es keine Montagsdemonstration von PEGIDA, die sich das mythologisierte Label „Montagsdemonstration“ auf die wehenden Schwarz-Rot-Geil-Fahnen schrieben. Ich weiß, ich weiß. Wir leben in einer Zeit, in der es gesellschaftlich wahnsinnig angesehen ist, die Dinge von ihrer positiven Seite zu betrachten. Bestseller heißen „Gegen den Hass“, Coaches predigen „gewaltfreie Kommunikation“ und die positive Psychologie verspricht uns das Glück, wenn wir es nur schaffen, negative Gefühle dauerhaft aus unserem Leben zu verbannen. Aus der politischen Öffentlichkeit sind diese jedenfalls verschwunden, denn seitdem die AfD durch die Emotionalisierung politischer Sprachbilder an Popularität gewann, steht die politische Emotion, vor allem die Negative, unter Generalverdacht. Wenn heutzutage der politische Text in Bewegung gerät, aus einigen der Zeilen eine Haltung, gar ein Erröten der Schrift herausragt, wenn das Gesagte von jemandem gesprochen wird, der offenkundig fühlt, dann begegnen wir dem mit Skepsis. Völlig egal, ob es sich um Björn Höcke oder Greta Thunberg handelt. Denn vor allem in den letzten Jahren manifestierte sich der erschreckend weit verbreitete Mythos, die Politik habe zur Ausprägung von Entscheidungsfähigkeit die Aufgabe, sich nicht von Gefühlen leiten zu lassen. Vor allem Emotionen wie Wut, Verärgerung, Neid und Hass erleben dadurch ihre Delegitimierung und Banalisierung. Das ist geschichtsvergessen.

Lesen Sie die ganzen Kolumne von Jean-Philippe Kindler

Jana Hensel: Mythos Wende 89

Die Wende, oder besser gesagt, die Friedliche Revolution des Jahres 1989, ist für mich kein Mythos, sondern war in meinem bisherigen Leben der wahrscheinlich massivste Einfall von Realität. An nichts erinnere ich mich so genau wie an meine großen, euphorischen Gefühle, während ich im Oktober 1989 als 13-jährige Schülerin gemeinsam mit meiner Mutter um den Leipziger Ring gelaufen bin. Noch heute bekomme ich Gänsehaut, wenn ich darüber rede, noch heute treten mir Tränen in die Augen, wenn ich die alten Bilder sehe. Manchmal ist mir das sogar peinlich. Und ich bin erleichtert, wenn ich merke, dass es anderen ähnlich geht.

Lesen Sie die ganze Kolumne von Jana Hensel

Wladimir Kaminer: Berliner Mauer

Über die Berliner Mauer wussten wir nicht viel, nur das, was in unseren Lehrbüchern über die europäische Nachkriegsgeschichte stand. Diese Informationen waren auf das Wesentliche reduziert und beanspruchten nicht einmal zwei Seiten. Die sowjetische Armee hatte es 1944-45 nicht geschafft, ganz Europa zu befreien, weil ein Teil davon bereits von den Amerikanern befreit worden war. Deswegen war Europa in zwei Lager getrennt, die von uns befreiten Völker haben sich dann freiwillig für den Sozialismus entschieden.

Lesen Sie die ganze Kolumne von Wladimir Kaminer: Berliner Mauer
Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.