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Jana Hensel: Mythos Wende 89

Die Wende, oder besser gesagt, die Friedliche Revolution des Jahres 1989, ist für mich kein Mythos, sondern war in meinem bisherigen Leben der wahrscheinlich massivste Einfall von Realität. An nichts erinnere ich mich so genau wie an meine großen, euphorischen Gefühle, während ich im Oktober 1989 als 13-jährige Schülerin gemeinsam mit meiner Mutter um den Leipziger Ring gelaufen bin. Noch heute bekomme ich Gänsehaut, wenn ich darüber rede, noch heute treten mir Tränen in die Augen, wenn ich die alten Bilder sehe. Manchmal ist mir das sogar peinlich. Und ich bin erleichtert, wenn ich merke, dass es anderen ähnlich geht.

Ich habe es schon oft beschrieben, aber damals endete meine Kindheit innerhalb von wenigen Tagen. Auf denselben Gedanken bin ich viel später einmal in einer Erzählung von Ingeborg Bachmann gestoßen, die beschreibt, wie ihre Kindheit durch den Einmarsch der Deutschen in ihrer österreichischen Heimatstadt Klagenfurt von einem Tag auf den anderen zu Ende ging. Wahrscheinlich passiert das beinah zwangsläufig, wenn die Geschichte mit solcher Kraft und Wucht in einen hineindrängt. Ich wurde – hunderttausend andere auch – in kürzester Zeit zu einer anderen. Auf meine Art.

Aber die Erinnerung hat sich über die Jahre auch verändert, heute habe ich andere Fragen an das Damals als vor zehn oder zwanzig Jahren. Fast scheint es mir, als spiegelten sich darin ganz eigenartig meine Lebensjahre. Ich begegne dem Kind von damals, obwohl ich selbst immer älter werde. Dabei scheinen immer wieder neue Aspekte auf, treten Dinge zum Vorschein, die ich damals nicht gesehen habe, wahrscheinlich nicht sehen konnte. Nun bin ich selbst so alt die Protagonisten von damals, bin so alt, wie meine Eltern damals waren. Auch für sie ist Herbst 1989 die entscheidende Markierung ihres Lebens geblieben.

So lässt es sich wahrscheinlich am besten sagen: der Herbst 1989 ist bis heute der konstanteste Bezug meines Lebens geblieben. Und klarer als je zuvor weiß ich heute, dass ich mich damals in mein Land verliebt habe. Kurz vor Toresschluss könnte man sagen, kurz bevor es sich verabschiedet hat und von der politischen Landkarte verschwunden ist. Denn es brachte so viele Menschen auf die Straße, die es wagten, von einer besseren Zukunft zu träumen, für eine bessere Zukunft zu streiten. Erst einmal ging es ja nicht darum, dass Helmut Kohl uns die D-Mark bringen sollte. Das wird heute oft und gern vergessen.

Lange Jahre habe ich damit zugebracht, nach den Resten des verschwundenen Landes zu suchen, als suchte ich in ihnen nach mir selbst. Der ständige Blick zurück half mir dabei, nach vorn zu schauen, weiter zu gehen, erwachsen zu werden. Denn ich glaube ganz fest daran, dass das eine nur mit dem anderen geht. Nur wer zurückschaut, kann das Neue sehen. Es ist eine ständige Kreisbewegung, sie wird mir dabei geholfen haben, den Dingen auf den Grund schauen zu können.

Aus der Liebe von damals ist heute eine Verantwortung geworden. Ich glaube fest daran, dass ich mich noch heute so viel mit Ostdeutschland beschäftige, noch immer so intensiv die Geschichten und Lebensläufe und Biographien der Ostdeutschen betrachte, weil ich immer noch versuche, ihnen und meinem Land, das sich damals verabschiedet hat, jene Größe und Würde zurückzugeben, die sich damals auf den Straßen und bei den Gebeten und an den Runden Tischen gezeigt hat, die dort für einen welthistorisch zwar bedeutsamen, aber in einem Menschenleben nur sehr kurzem Moment aufschien. Gerade weil wir ihn nicht festhalten konnten, gerade weil die Räder der Geschichte über die vielen mutigen Anfänge einfach hinweggefahren ist wie ein schwerer Bagger. Die Utopien von damals allzu schnell unter sich begraben hat.

Vor wenigen Tagen bin ich in Ilmenau auf einer Demonstration gegen Björn Höcke gewesen, der dort eine Wahlkampfrede für die AfD hielt. Ich kam mit einer älteren Frau ins Gespräch, die mir erzählte, dass sie auf den Tag genau vor 30 Jahren in der dortigen Kirche zum ersten Mal öffentlich einen Aufruf verlas. Damit sei ihre damalige Politisierung der vorangehenden Jahre an ihren bisherigen Höhepunkt gelangt. Sie sagte hinüber zu Höcke blickend zu mir, dass nun die Jungen weitermachen müssten. Es klang einerseits ermutigend, andererseits natürlich auch ein wenig bitter. Aber auch in ihren Gedanken verband sie das Gestern mit dem Heute. Genau so wie ich.

Jana Hensel, geboren 1976 in Leipzig, wurde 2002 mit ihrem Porträt einer jungen ostdeutschen Generation »Zonenkinder« schlagartig bekannt. Seither arbeitet sie als Journalistin. 2017 erschien ihr Roman »Keinland« und 2018 gemeinsam mit Wolfgang Engler »Wer wir sind. Die Erfahrung, ostdeutsch zu sein« im Aufbau Verlag. Das Buch stand wochenlang auf der SPIEGEL-Bestsellerliste. Hensel lebt in Berlin und ist heute Autorin von ZEIT Online und DIE ZEIT. Ihr aktuelles Buch „Wie alles anders bleibt: Geschichten aus Ostdeutschland“ erschien im August 2019.

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