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1989 Staatliche Reaktionen

Quelle: ABL / A. Wiech
Bewachte Bezirksbehörde der Staatssicherheit der DDR in Leipzig („Runde Ecke“), März 1989 | Quelle: ABL / A. Wiech

Seit den Ereignissen vom 17.1.1988 in Berlin bis zum Herbst 1989 übten die Partei- und Staatsorgane auf alle Kirchenebenen (Kirchenleitung, Bischof) massiven Druck aus, die Friedensgebete abzusetzen. Am 12.09.1988 umstellte die Polizei erstmals die Kirche mit einem massiven Aufgebot. Angesichts der allwöchentlichen Menschenansammlungen im Zentrum der Stadt formierte sich ein gemeinsamer Führungsstab aus Polizei und Staatssicherheit.

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Quelle: BStU, MfS, BV Leipzig, Abt. VIII"Ein direkter Einsatz konspirativer Mitarbeiter ist möglichst zu vermeiden."
Die Sommerpause 1988 nutzend, erstellte die Staatssicherheit ein Überwachungskonzept der Nikolaikirche. Das Gutachten plädierte für drei Beobachtungspunkte um die Kirche, da Stasi-Mitarbeiter vor Ort von den Teilnehmern der Friedensgebete erkannt würden.


Ein wichtiges Erfolgserlebnis für die weitere Mobilisierung zum Protest war eine Demonstration am 15.1.1989 in der Leipziger Innenstadt. Unabhängig von den montäglichen Zusammenkünften demonstrierten ca. 500 Menschen für Reformen in der DDR. Sie beriefen sich dabei, ähnlich wie im Vorjahr die Berliner, auf die SED-Ikonen Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht. Bereits im Vorfeld wurden einige Akteure beim Verteilen von Flugblättern festgenommen. Jetzt funktionierte die Vernetzung. Proteste aus dem In- und Ausland sorgten dafür, dass die Verhafteten knapp zwei Wochen später wieder freikamen und die Verfahren eingestellt wurden.

Quelle: ABL / M. JehnichenAufgeschreckt von der „Luxemburg-Liebknecht-Demonstration“ verstärkte die Staatssicherheit ihre Aktivitäten nochmals. Zum Friedensgebet eine Woche später am 23.1.1989 machte die Stasi von der Einladung „Nikolaikirche - Offen für alle“ zum ersten Mal Gebrauch und setzte eigene Mitarbeiter in die Nikolaikirche, um sie zu „besetzen“.

 

Quelle: ABL / R. Quester
Stasiüberwachung auf dem Markt in Leipzig, Mai 1989 | Quelle: ABL / R. Quester

Ab Mai 1989 wurde der Nikolaikirchhof videoüberwacht. Die Sicherheitskräfte installierten eine Kamera auf dem Dach eines Neubaus schräg gegenüber der Kirche.

Frank Sellentin (IG Leben): „Man hat ja oft die Straße nicht mehr betreten können, ohne irgendeinen Schatten im Schlepptau zu haben. Manchmal einen, manchmal zwei.“

Quelle: ABL / F. Sellentin
Stasiüberwachung vor dem Wohnhaus politischer Akteure | Quelle: ABL / F. Sellentin

Audio:
AUDIO | Quelle: BStU„Auflöse-Trupps nennen sie die. Komisch, wie?“
Telefonischer Rapport der Bezirksverwaltung der Staatssicherheit Leipzig an die Zentrale in Berlin über das Friedensgebet vom 25.5.1989.

 

Auch die Polizei rüstete weiter auf. Da man im Juni 1989 einschätzte, dass sich die Lage nicht ohne weiteres beruhigen werde, schulte man Kasernierte Einheiten (Wehrdienstleistende) zu Einheiten der Volkspolizei-Bereitschaft und damit zum polizeilichen Ordnungs- und Kampfeinsatz um.

Audio:
AUDIO | Quelle: Sächsisches Staatsarchiv Leipzig„In der vergangenen Woche waren die Lehrvorführungen zu Fragen ‚Räumen‘ und ‚Sperren‘.“
Telefonischer Rapport der Leipziger Volkspolizei-Bereitschaft (VPB) an die Bezirksbehörde der Deutschen Volkspolizei (BDVP) über den Stand der Ausbildung, April 1989.

Quelle: ABL / R. QuesterAuch Streifenpolizisten und sog. Abschnittsbevollmächtigte der Polizei (ABV) hatten bei ihren täglichen Rundgängen ein Auge auf die Kirchen. Für sie war es vollkommen unverständlich, warum der Staat nicht härter vorgeht:
„Mensch, wenn die solche Plakate raushängen, da muss man doch dran, da muss man doch!“

Audio:
Quelle: Sächsisches Staatsarchiv Leipzig

Telefonischer Rapport der Volkspolizei-Kreisämter (VPKA) an die Bezirksbehörde Leipzig, April 1989.

 

Quelle: Leipziger Volkszeitung, 24.6.1989„Alle Vorzüge genießen, aber unsere Gesellschaft negieren“
Auch in der Propaganda ging der Staat in die Offensive. In dem Artikel „Was trieb Frau A.K. ins Stadtzentrum“ wurden Besucher der Friedensgebete pauschal diffamiert. Das Argumentationsmuster war dabei immer das gleiche. Die Bürger sollten tunlichst Dankbarkeit gegenüber „Vater“ Staat zeigen, der den Menschen zumindest in sozialer Hinsicht alles biete.

Quelle: ABLMittlerweile schon traditionell nutzten die Antragsteller das Friedensgebet während der Leipziger Messe, um vor der anwesenden Westpresse auf ihre Situation aufmerksam zu machen. Zur Frühjahrsmesse am 13. März 1989 demonstrierten ca. 300 Menschen. Demgegenüber stand ein Aufgebot von 850 Stasimitarbeitern und Polizisten. Die Demo endete bereits nach 300 Metern auf dem Markt. Die Demonstranten riefen: „Stasi raus“, „Stasischweine“, „Freiheit – Menschenrechte“ und erstmals „Wir wollen raus“. Auch ein Plakat tauchte auf: „Reisefreiheit statt Behördenwillkür“.

 

Quelle: ABL / A. Wiech
Leipziger Markt zur Frühjahrsmesse 1989, März 1989 | Quelle: ABL / A. Wiech

Die Staatssicherheit reagierte auf diese Messe-Demo, indem sie im nächsten viertel Jahr, bis zum Kirchentag im Juli 1989, ca. 4.000 Menschen aus Leipzig und Umgebung ausreisen ließ. Sie hatte die irrige Hoffnung, „Dampf aus dem Kessel“ zu lassen. Doch die erhoffte Entspannung traf nicht ein.

Quelle: Leipziger Volkszeitung, 24.6.1989Am 22. Mai 1989 kesselte die Polizei 200 Demonstranten nach dem Friedensgebet ein. Die Eingekesselten riefen „Wir wollen raus“. 52 Personen wurden zugeführt. Eine Woche später, am 29. Mai 1989, wurde der Kirchplatz nach dem Friedensgebet sofort geräumt. „Die Polizei, die wie immer zahlreich erschienen war, forderte die Leute auf, den Nikolaikirchhof zu verlassen, weil eine Gefährdung von Ordnung und Sicherheit bestünde.“
14 Personen nahm die Polizei fest.

Friedensgebet, 26.6.1989 | Quelle: BStU<br /> Pfarrer Führer: „Bei Zuführungen ist es zu Körperverletzungen gekommen.“
Der Tonausschnitt ist eines der ganz wenigen Aufnahmen aus der Nikolaikirche. Christian Führer benennt darin die gewalttätigen Auseinandersetzungen, die es im Anschluss an die Friedensgebete gegeben hatte.

 

Landesbischof Johannes Hempel | Quelle: ABL / M. JehnichenAm 8. Mai 1989 wurden auf Forderung von Landesbischof Hempel die Friedensgebete in „Montagsgebete“ umbenannt. Diese Umbenennung war ein Zugeständnis an den Staat, denn die Deutungshoheit über „Frieden“ lag bei ihm. Wieder ist es Pfarrer Führer, der sich entgegen des staatlichen Drucks für die Weiterführung der Friedensgebete aussprach. Bischof Hempel verlangte aber den Ausschluss der politischen Gruppen, wenn sie sich nicht an die Maßgaben der Kirchenleitung hielten. Gleichzeitig traten Hempel und Magirius in den Staat-Kirche-Gesprächen mit einem größeren Selbstbewusstsein auf. Die SED solle sich endlich den gesellschaftlichen Problemen (Ausreise) stellen, die in der Kirche verhandelt werden. Man werde innerhalb der Friedensgebete deeskalierend wirken, erwarte aber das selbe vom Staat bezüglich der Polizeiketten vor der Nikolaikirche.