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Jean-Philippe Kindler: „Die friedliche Revolution“: Für die Legitimierung von Wut und Hass

Die Wahrheit ist: Ich fand den Terminus der „friedlichen Revolution“ immer schon lächerlich. Dafür brauchte es keine Montagsdemonstration von PEGIDA, die sich das mythologisierte Label „Montagsdemonstration“ auf die wehenden Schwarz-Rot-Geil-Fahnen schrieben. Ich weiß, ich weiß. Wir leben in einer Zeit, in der es gesellschaftlich wahnsinnig angesehen ist, die Dinge von ihrer positiven Seite zu betrachten. Bestseller heißen „Gegen den Hass“, Coaches predigen „gewaltfreie Kommunikation“ und die positive Psychologie verspricht uns das Glück, wenn wir es nur schaffen, negative Gefühle dauerhaft aus unserem Leben zu verbannen. Aus der politischen Öffentlichkeit sind diese jedenfalls verschwunden, denn seitdem die AfD durch die Emotionalisierung politischer Sprachbilder an Popularität gewann, steht die politische Emotion, vor allem die Negative, unter Generalverdacht. Wenn heutzutage der politische Text in Bewegung gerät, aus einigen der Zeilen eine Haltung, gar ein Erröten der Schrift herausragt, wenn das Gesagte von jemandem gesprochen wird, der offenkundig fühlt, dann begegnen wir dem mit Skepsis. Völlig egal, ob es sich um Björn Höcke oder Greta Thunberg handelt. Denn vor allem in den letzten Jahren manifestierte sich der erschreckend weit verbreitete Mythos, die Politik habe zur Ausprägung von Entscheidungsfähigkeit die Aufgabe, sich nicht von Gefühlen leiten zu lassen. Vor allem Emotionen wie Wut, Verärgerung, Neid und Hass erleben dadurch ihre Delegitimierung und Banalisierung. Das ist geschichtsvergessen.

Was mir auffiel: Positive Gefühle finden in der Berichterstattung zum 30-jährigen Jubiläum des Mauerfalls weitaus häufiger Darstellung als Negative.
Verständlicherweise. Die Hinwendung zum Positiven gilt immerhin als das einzig Konstruktive und zurecht weisen schlaue Leute daraufhin, wie gefährlich die Emotionalisierung der politischen Sprache werden kann. Das ist vor allem sichtbar am Begriff der Heimat: Für Rechte ein passendes Narrativ zur Beschwörung des „Wir-Gefühls“ als Ausdruck einer imaginierten Kulturnation, für Linke die Chance für den grotesken Ausruf, dass man „die Heimat nicht den Rechten überlassen“ dürfe. Thomas De Maizières bescheuerte Ideen zur „So richtig richtig deutsch“-Leitkultur finden dabei in der ausufernden Diskussion ob weiße Menschen nun Dreadlocks tragen dürfen, oder nicht, ihr kulturessenzialistisches Pendant von Links. Dieses Ideologie-Yu-Gi-Oh! Ist natürlich nur schwerlich zu ertragen, weswegen es intuitiv logisch erscheint, sich der politischen Rationalität hin zu wenden.

Emotionen in der Politik sind auch aus diesen Gründen weder erwünscht, noch sind sie uns verständlich. Als Greta Thunberg zuletzt vor der UN-Vollversammlung die Tränen in die Augen schossen, war die gesamte Medienlandschaft mit der Dechiffrierung dieser sonderbaren Flüssigkeit beschäftigt, die da aus den Augen dieser jungen Wilden tröpfelte! Waren das nun echte Tränen?? Mir war es völlig egal, ob Greta Thunberg t a t s ä c h l i c h traurig war, oder nicht. Denn ich finde es gut, wenn negative Gefühle im politischen Kontext von dem Vorwurf befreit werden populistisch, gekünzelt, oder destruktiv zu sein. Die Reflektion über die Wendezeit kann dabei helfen, denn wir reden hier immerhin über eine politische Wende, dessen hydraulische Kraft ganz klar auch Wut, Hass und Neid war. Und zwar völlig zurecht. Denn ganz ehrlich: Die DDR war scheiße. Der Widerstand war notwendig, auch in seiner Radikalität. Reiseunfreiheit, Armut und Repression sind scheiße, Menschen waren zurecht wütend deswegen. Die Mauer fiel, weil Menschen wütend waren, Hass verspürten. Wir brauchen negative Gefühle um strukturelles Unrecht weiterhin sehen und bekämpfen zu können. Ich meine, Feministinnen haben Rolf, Dieter und Günther damals auch nicht freundlich gefragt, ob es nicht vielleicht okay wäre, wenn sie auch wählen dürften.

Wenn heute PEGIDA montags durch die Städte zieht, dann stellen sich Menschen dem Hass der Rechten entgegen. Richtig so, denn die Wut richtet sich hierbei gegen alles, was fremd und anders ist. Wenn man den eigenen, durchaus gewaltbereiten Rassismus dann mit dem Label „friedliche Revolution“ aufpoliert und zu legitimieren versucht, dann mutet das selbstredend grotesk an. Vielleicht hilft es aber, zu bedenken, dass die „originale“ friedliche Revolution eben kein „Feelgood“-Protest war, wie es oftmals fälschlicherweise dargestellt wird. Es waren wütende Menschen, die Hass verspürt haben. Natürlich, aus völlig anderen Gründen. Aber möglicherweise kann es uns bereits weiterhelfen, wenn wir uns endlich wieder trauen, negative Gefühle im politischen Kontext zuzulassen, nur so können wir sie wieder lesen lernen. Denn wer das Leid banalisiert, riskiert weiterhin die Benachteiligung von Millionen Ostdeutschen.

„Du bist 21 Jahre alt und hast die Seele eines 43-Jährigen.“ Das sagte eine Freundin mal über Jean-Philippe Kindler und hatte damit uneingeschränkt recht. Kindler ist amtierender deutschsprachiger Poetry Slam Meister 2018 und NRW-Landesmeister im Poetry Slam. Seine Texte sind oftmals politisch, und dabei humorvoll, ohne jedoch dem Anspruch der Ernsthaftigkeit nicht gerecht zu werden. Im Februar 2018 erschien sein neues Buch mit dem Titel „Ein Stück Quiche in Krefeld-Fischeln“ beim Lektora-Verlag in Paderborn. Zur vergangenen Bundestagswahl spielte er sein abendfüllendes Programm „Bibis Beauty Politics“, eine kabarettistische Betrachtung der Parteienlandschaft zur Bundestagswahl. 2015 war er vom Institut für Kommunikation in Düsseldorf für den Preis „Nachwuchsmoderator des Jahres“ nominiert. Kindler moderiert sämtliche Kulturveranstaltungen in Tübingen, sowie ausgewählte Veranstaltungen in Düsseldorf.“

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