Loading color scheme

„Wir sind ein Volk“ - Wer ist das Volk? - 13.11. bis 18.12.1989

Mit der Maueröffnung am 9. November 1989 wurden über Nacht in der DDR neue politische Akzente gesetzt. Ins Zentrum rückte die nationale Frage und damit eine Diskussion, die aus der Verantwortung gegenüber der deutschen Schuld an Krieg und Massenmord jahrzehntelang nicht geführt wurde. Der Status Quo der Nachkriegsordnung wurde von keiner Seite in Frage gestellt. Es gab keine Vorstellungen wie ein wiedervereintes Deutschland aussehen könnte. In dieses Vakuum hinein demonstrierte sich ein verklärt romantisierendes Deutschland-Bild ohne traditionelle Vorbilder. Zum Wegweiser wurde die Wiederbelebung des Mythos vom westdeutschen „Wirtschaftswunder“.

Montagsdemonstration Leipzig, 11.12.1989 | Quelle: ABL / H. Krause
Montagsdemonstration Leipzig, 11.12.1989 | Quelle: ABL / H. Krause

Die Ereignisse überschlugen sich. Es verging kein Tag ohne politische Enthüllungen über Machtmissbrauch und Korruption. Die Glaubwürdigkeit der SED-„Wende“ erodierte im freien Fall. Trotzdem hielt die SED vehement alle Schlüsselpositionen fest.

  Teilnehmer in Leipzig Städte mit Demos in der DDR
Mo 13.11.1989 150.000 65
Mo 20.11.1989 200.000 46
Mo 27.11.1989 150.000 36
Mo 04.12.1989 200.000 64
Mo 11.12.1989 150.000 46
Mo 18.12.1989 150.000 33

 

Nach dem Mauerfall am 9. November 1989 veränderte sich auch der Charakter der Montagsdemonstrationen rapide. Die offene Grenze weckte weitere materielle Begehrlichkeiten und der westdeutsche Lebensstandard wurde zum Gradmesser der eigenen Bedürfnisse. Die Wiedervereinigung war nun das zentrale Thema der Demonstranten. Dabei polarisierten sie sich in eine große Masse von Einheits-Befürworter und in eine kleine von Einheits-Skeptiker.

Montagsdemonstration Leipzig, 13.11.1989 | Quelle: ABL / B. Heinze
Montagsdemonstration Leipzig, 13.11.1989 | Quelle: ABL / B. Heinze

Montagsdemonstration Leipzig, 11.12.1989 | Quelle: ABL / B. Heinze
Montagsdemonstration Leipzig, 11.12.1989 | Quelle: ABL / B. Heinze

Die Dynamik der Revolution verschob die Intentionen innerhalb kürzester Zeit. „Deutschland einig Vaterland“, ein Vers aus der bis 1973 gesungenen DDR-Nationalhymne, wurde zum Auftrag der Straße. Dieser massenhaft skandierte Ruf war Ausdruck des klaren Orientierungsbedarfs der Demonstranten.

Meinungsumfrage: „Deutschland einig Vaterland“?

Quelle: Zentralinstitut für Jugendforschung (z.n. Leipziger Volkszeitung, 11.12.1989)
Quelle: Zentralinstitut für Jugendforschung (z.n. Leipziger Volkszeitung, 11.12.1989)

Am 28. November 1989 verkündete Bundeskanzler Helmut Kohl vor dem Bundestag seine „Zehn Punkte für Deutschlands Einheit“. Das Ziel sei die „Einheit und Freiheit aller Deutschen“. Damit stellte Kohl als erster die Machtfrage ganz eindeutig und begann, sich als gesamtdeutscher Kanzler und Teil der Bewegung zu inszenieren.

 

Montagsdemonstration Leipzig, 11.12.1989 | Quelle: ABL / B. Heinze
Montagsdemonstration Leipzig, 04.12.1989 | Quelle: ABL / B. Heinze

 

Montagsdemonstration am 11. Dezember 1989: „Aufhören!“
Auf den Kundgebungen der Demonstrationen wurden unerwünschte Meinungen von der Masse gnadenlos ausgepfiffen. Als die Berliner DDR-Oppositionelle Vera Wollenberger die deutsche Verantwortung und Rücksichtnahme gegenüber den europäischen Nachbarn in einem Einigungsprozess auf dem Podium anmahnte, musste sie ihre Rede abbrechen.

In dieser Phase empfanden sich die Montagsdemonstranten weiterhin als Volkssouverän. Der Ruf „Wir sind das Volk“ wurde jedoch mehr und mehr zum Argument der Ausschließlichkeit der eigenen Meinung und delegitimierte Gegensätzliches. Im Schutz der Masse und der Dynamik der Straße gingen Anstand und politische Kultur einer demokratischen Willensbildung verloren.

Montagsdemonstration Leipzig, Dezember 1989 | Quelle: ABL / B. HeinzeRechtsradikale Gruppen sprangen auf den Demonstrationszug auf. Sie waren nun auch „das Volk“. Unter der Schirmherrschaft der westdeutschen REPUBLIKANER forderten sie die sofortige und bedingungslose deutsche Einheit ohne Respektierung europäischer Sicherheitsinteressen.


Die Auswirkungen des jahrelang schwelenden Problems der einseitigen (Opfer-) Aufarbeitung des Nationalsozialismus in der DDR traten manifest zu Tage. Der verordnete „Antifaschismus“ der SED ignorierte nationalsozialistisches Gedankengut in der DDR-Gesellschaft. Jetzt konnte sich dieses unverholen äußern und diffundierte allmählich in den Forderungskanon der Masse. Viele Demonstranten haben diese Radikalisierung nicht wahrgenommen, denn bedeutend stärker kontrastierte sich für sie die Meinung der Einheitsgegner. Die ungenügende Distanzierung der Masse beförderte eine politische Stigmatsierung in „Nazis“ und „Rote“.
Die Gemengelage wurde noch unübersichtlicher, da auch die SED Pauschalurteile über die „rechte“ Dynamik der Straße fällte und sich dadurch gesellschaftliche Akzeptanz erhoffte.

Montagsdemonstration Leipzig, 4.12.1989 | Quelle: ABL / M. Kellermann
Montagsdemonstration Leipzig, 04.12.1989 | Quelle: ABL / M. Kellermann

Montagsdemonstration am 11. Dezember 1989: „Dann geh mal in die BRD. Dort lebt jeder besser.“
Abseits der Kundgebungsmikrofone fanden auf der Straße heftige Diskussionen über den Fortgang der Revolution statt.
An der deutschen Frage schieden sich die Geister. Die Vorstellungen prallten unversöhnlich aufeinander. Es gab nur ein Entweder-oder.

Neues Forum, 23.11.1989„Laßt uns nicht unsere friedliche Revolution zerreden!“
Dem „Neuen Forum“ entglitten die Demonstrationen. In Aufrufen und Reden auf den Montagsdemonstratinen wurde die Einigkeit des demokratischen Aufbruchs in den Oktobertagen und der gemeinsame Kampf gegen die SED beschworen. Doch diese Zeit war vorbei. Die Zerstrittenheit der Straße spielte der SED in die Karten, ihre Pfründe zu sichern.

 

Persiflage einiger Demonstranten auf die politische Unkultur der Leipziger Montagsdemonstrationen, Dezember 1989 | Quelle: ABL / B. Heinze
Persiflage einiger Demonstranten auf die politische Unkultur der Leipziger Montagsdemonstrationen, Dezember 1989 | Quelle: ABL / B. Heinze

Zum Jahresende gelang es Superintendent Friedrich Magirius, unterstützt von Gewandhauskapellmeister Kurt Masur, die Situation auf den Montagsdemonstrationen zu beruhigen. Kraft seiner Autorität rief er für die letzte Demonstration am 18. Dezember 1989 zu einem Schweigemarsch in Gedenken an die Opfer stalinistischer Gewalt auf. Es gab keine Kundgebung. Um den gesamten Innenstadtring bildete sich eine Menschenkette. Trotz weiterer heftiger Diskussionen unter den Demonstranten endeten die Montagsdemonstrationen 1989 nach zuletzt scharfen verbalen Attacken versöhnlicher.

Quelle: ABL / 50.005.02.001.029
Quelle: ABL / 50.005.02.001.029